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Neuguth



Postkarte von Adalbert Mikoteit



Rückblick auf NEUGUTH


von Bernhard Krause


Als Amtsbezirk und bescheidener Mittelpunkt von einigen kleinen Dörfern und Bauernschaften, liegt Neuguth im Nordosten des Kreises, zwischen den landwirtschaftlich genutzten Flächen im Süden und dem sich nach Norden ausweitenden staatlichen Forst. Diene Nahtverbindung prägte Leben und Charakter des Dorfes seit seinem Bestehen. Vermutlich in der Ordenszeit, um 1400, bauten die ersten Siedler ihre Häuser rund um den Dorfsee, d.h. um die spätere Wiese von Albert Lohn. Der Dortbrunnen, in unserer Zeit eine stabile Pumpe, stand vor dem Anwesen von Max Reddies. Die älteste Kneipe mit Krämerladen war das Geschäft von Sigmund Baum.


Das Geschäft von Sigmund Baum.


Aus der Polenzeit stammt die Buschamenka (Boza meka), zur Verehrung der Gottes Mutter, an der Weggabelung nach Neuhof-Josefshof. 1772 wurde das Dorf, längst der Straße nach Norden, erweitert. Aus Pommern kamen Neu Siedler, die alle ev.-luth. Glaubens waren, und machten die Ländereien beiderseits des Mühlenweges in Richtung Prechlauermühl nutzbar. An Handwerkern ließen sich im Ort je ein Zimmerer, Maurer, Tischler, Stellmacher, Schmied, Schuhmacher, Schneider, Metzger und Bäcker nieder. Außerdem entstand ein Gasthof mit Stallungen zum Ausspannen. Im Schnittpunkt der Briesener Straße und den Wangeleven weg wurde die erste Schule gebaut. Lebten die Menschen in Neuguth über Jahrhunderte ausschließlich vom Ackerbau und kleinen Nebenverdiensten im Forstfiskus, so trat mit dem Anschluß der Gemeinde an das Eisenbahnnetz (um 1900), die große Wende ein.


Der Bahnhof


Ein tüchtiger Handwerksmeister, " der dick Lenz" (Vater von Lehrer Lenz), gründete in Neuguth ein Bau Geschäft. An der Straße zum Bahnhof errichtete er dann ein Sägewerk, und bald entstand auch eine moderne Kornmühle.


Das Sägewerk


Für seine Arbeiter baute er im Reihendorf die sogenannten Häuslerstellen. Das Wirtschaftsleben nahm fortan einen starken Auftrieb. Die Landwirtschaft konnte ihre Produkte endlich ohne Transportschwierigkeiten absetzen. Das große Waldgebiet der Schlochauer Heide wurde zum unerschöpflichen Reservoir für die Holzindustrie. Ihren Erwerb in der Forstwirtschaft fanden die Kulturfrauen, die Waldarbeiter und die Holzfuhrleute; andere arbeiteten ia Sägewerk oder als Bau- handwerker. Die Namen: Albert Lahn und August Bettin, die in ihrem langen Arbeitsleben viele Gebäude in der Heimat errichtet haben, mögen hier für alle anderen Tätigen stehen. Doch nicht nur die Wirtschaftsgüter nahmen den Weg über die Eisenbahn, auch die Menschen paßten sich der Zeit an. Ein Teil der Nachkommen aus den durchweg kinderreichen Familien zog in die Fremde. Meist wurden die jungen Leute als Saisonarbeiter für Ziegeleien, Baumschulen und Konservenfabriken nach West und Mitteldeutschland angeworben. Zum Winter kehrten sie in die Heimat zurück; einige blieben aber auch am Arbeitsplatz und gründeten dort ihren Hausstand. Ein besonderer Anziehungspunkt war - insbesondere für die Mädchen- die Reichhauptstadt Berlin.

Der I. Weltkrieg machte die für Neuguth so hoffnungsvoll begonnene wirtschaftliche Entwicklung zunichte. Zwölf junge Männer und Familienväter mußten im Verlaufe des Krieges ihr Leben opfern. Ab Januar 1920 verlief die deutsch-polnische Grenze bei der Bauer schaft Krasenfier - Gut Eichenfelde, Neuguth war Grenzdorf geworden - es hatte ca. 1/3 seines Hinterlandes verloren. Arbeitslosigkeit und Inflation brachten Jahre des Hungers und der Not.

In diesen Jahren traten die jüdischen Mitbürger, Cuno Jakobi und Sigmund Baum, erwähnenswert hervor. Während Jakobi die Torfproduktion mit Maschinen in Gang brachte, organisierte Baum den Absatz der Waldfrüchte, der Beeren und Pilze. Das Entgelt, welches die Menschen damit verdienten, war gewiß gering, aber, es half über die Not Zeit hinweg. Frau Minna Scharmer aus dem Forstamt Pflastermühl, berichtet, wie sie in jenen Jahren mit Pilzen und Beeren, zu früher Morgenstunde 11 km weit nach Neuguth gelaufen ist, um dafür die notwendigsten Lebensmittel für ihre Familie einzutauschen. Mit Hochachtung spricht sie noch heute davon, wie Sigmund Baum die weit her gereisten Frauen vor dem Heimweg mit einen Imbiß und einer guten lasse Kaffee versorgte.

Die nach der Inflation einsetzende Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse beflügelte auch das Kulturleben der Gemeinde. Innerhalb des Gesangvereins wirkten ein Mandolinenclub und eine Theater Laienspielschar von beactlichem Niveau. Zu den Aufführungen, anlässlich der Wintervergnügen im Saale Rahmel, und ebenso zu den Sommerfesten in Köhns Wäldchen, strömten die Menschen von nah und fern zusammen. Die Reichsbahn setzte von Schlochau und Rummelsburg her Sondertriebwagen ein.



Gesangverein Neuguth, die Tiroler Gruppe beim Sommerfest 1921. Foto von Alice Sternberg.

Hintere Reihe: Paul Nitzke, Leo Zabback, Richard Sieg, Richard Schneider, Gregor Kühn.
Mittlere Reihe: Paul Günter, Margarete Lenz, Thadeus Lenz, Lenchen Lahn,
Leo Lahn, Herta Kaps, Friedrich Sternberg, Frieda Pardun, Albert von Prußki.
Untere Reihe: Frieda Wiese, Ella Münzel, Frau Radtke, Hedwig von Zaluskowski.





Sigmund Baum, Motor und Seele des Gesangvereins hat sich in den 20er Jahren um Neuguth verdient gemacht. In den politischen Wirren des 2 Weltkrieges musste er im März 1940 mit seiner Familie die Heimat verlassen - seither sind alle verschollen.

Bürgermeister der Gemeinde waren seit der Jahrhundertwende: Hermann Dahlke (1905-30), Albert Kuhn (1930-33), und Bernhard Köhn (1933-45). Als Lehrer wirkten an der 3 klassigen Volksschule seit 1920, Georg Haß, Hieronymus Lenz, und einige Junglehrer.



Die Lehrers Georg Hass und Hieronymus Lenz. Fotos von Wolfgang Hass.


Das Lehrers Haus.

Kirchedorf für beide Konfessionen war das 6 km entfernte Sampohl. Die dort zuletzt wirkenden Geistlichen hiessen Pastor Grunwald (ev.) und Pfarrer Skierka (kath.) Wer zum Arzt, zur Apotheke, zu Drogerie und in ein Fachgeschäft wollte, mußte 8 km weit Prechlau.

Der 30, Januar 1935 begann auch bei uns mit Fackelzug und Feuerschein. - Zwölf Jahre später brannte es wieder lichterloh. Von Damerau kommend, rückte die russische Armee am Feb. 27, 1945 in Neuguth ein. Aus der Bevölkerung waren einige Familien rechtzeitig per Eisenbahn geflohen. Weitere kleine Gruppen haben kurz vor dem Einmarsch der Russen die Flucht über die Landstrassen versucht. Von diesen erreichte nur eine Familie das rettende Schiff im Ostseehafen, die übrigen kehrten hoffnungslos in ihre Häuser zurück. In Herbst 1945 begann die Ausweisung aus der Heimat. Zuerst die Alten und Kranken; Arbeitsfähige mussten z.T. noch Jahre zurückbleiben. Der 2 Weltkrieg forderte mehr als 70 Menschenleben.

Wo befinden sich die Neuguther heute? Rund 70 Familien leben in der Bundesrepublik, etwa 20 in der DDR. 12 Familien teils auch nur deren Angehörige sind in Nowa Wies, wie Neuguth heute heißt, verblieben.



Fotos von Wolfgang Hass.

Die Familie Hass, mit andere Leute von Neuguth.




Die Heiraten von Cristel Hass.




Die Hass Grosseltern.




Klara Fleichmann und Georg Hass.




Ein Bild von 1920 Neuguth, Gelegenheit unbekannt. Der Mann auf
der Linke ist Georg Hass (der Lehrer). Bild von Wolfgang Hass.



Familiennamen in Neuguth

Austen
Baum
Block
Böhnke
Brenner
Gabriel
Gerschewski
Gohl
Götzmann
Günter
Hass
Henke
Kabbat
Kaps
Kasischke
Kleemann
Kontek
Kühn
Lahn
Lenz
Macke
Münzel
Nitzke
Pardun
Pooch
von Prußki
Radtke
Rahmel
Reddies
Richter
Schneider
Sieg
Sternberg
Vergin
Wiese
Wollschläger
von Zaluskowski
Zabback




Der Hintern von eine Zollhäuser in Neuguth. Foto von von Adalbert Mikoteit.