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Verfasser: Richard Haunschild, Potsdam, den 8. Febr. 1952
Leider ist die Familienchronik, die mein Onkel, Friedrich, Wilhelm Haunschild, Lehrer und Kantor in Strehlen/Schlesien, in langjähriger, mühvoller Arbeit zusammengetragen und mir übereignet hatte, durch die Evakuierung aus der Heimat verloren gegangen. Abschriften von ihr besaßen Fritz Haunschild, Bürgermeister in Ohlau/Schlesien, und die Söhne von Alfred Haunschild, die in Eltze bei Hannover und Umgebung wohnhaft waren. Ich werde in späteren Zeiten nach ihnen forschen. Eine Ahnentafel von der Familie ist mir erhalten geblieben; sie reicht bis zum Jahre 1650 zurück. Ich will aber das, was ich aus dem Inhalt der Chronik behalten habe im Nachfolgenden niederschreiben. Wenn die Abschriften auch verloren wären, dann ist wenigstens etwas da.
Ursprünglich haben unsere Vorfahren sich Hauenschild geschrieben, d.h. hau ins Schild; das deutete auf ihre ritterliche Abkunft hin. Im heraldischen Amt in Berlin war das Wappen der Familie HAUNSCHILD mit 2 aufrechtstehenden Löwen gekennzeichnet, die zwischen sich einen Schild festhielten. Ein Zweig der Familie hat den Adelstitel bis heute behalten; andere haben aus Bequemlichkeit das "e" weggelassen und riefen sich Haunschild oder gar Hauschild. In Schlesien waren die Haunschilde zu Hause; es gab da eine evangelische und eine katholische Linie. In den Kreisen Brieg, Strehlen und Nimptsch saßen die evangelischen und in den Kreisen Münsterberg und Namslau die katholischen Haunschild. Onkel Fritz nahm an, daß die Haunschilds aus Böhmen während des 30-jährigen Krieges vertrieben worden sind. Einige Familien der HAUNSCHILD flüchteteten nach Schlesien, ein anderer Teil nach Hessen. Bei Frankfurt/Main soll es ein Dorf geben mit mehreren Familien HAUNSCHILD Aber auch in Ostpreußen haben sich HAUNSCHILD niedergelassen. Unsere direkten Ahnen waren zumeist Besitzer von mittleren und größeren Gütern. Die 2. usw. Söhne heirateten in andere Bauernfamilien ein oder wandten sich dem Studium zu. Als Schlesien an Preußen fiel, gab König Friedrich II. dem Karzener Bauer Haunschild das Rittergut Karzen zur Verwaltung. Unser Vorfahr hatte Bedenken, da er nicht Mittel genug hatte und sich auch nicht zutraute, ein so großes Gut zu bewirtschaften. Friedrich II. ließ aber nicht von ihm ab. Nach etwa 15 Jahren ging es in andere Hände über.
Mein Ur-Ur-Ahn [Johann Gottfried HAUNSCHILD] saß 1813 auf Steinkirche Krs. Strehlen. Die Uhr-Uhr-Ahne [2. Frau, Susanne GIERTH] hat Onkel Fritz noch erzählt, wie sie damals die Töchter vor den Nachstellungen der verbündeten Russen im Backofen versteckt hat. Der Steinkircher Haunschild verkaufte seinen Besitz in Gambitz und kaufte in Schönfeld Krs. Brieg ein Gut. Seinem ältesten Sohne [Johann Gottfried HAUNSCHILD] kaufte er das Bauerngut Nr. 6 in Naß-Brockgut Krs. Nimptsch im Jahre 1847, das bis zur Evakuierung im Jahre 1945 im Besitz der Familie war. Mein Großvater [Friedrich Wilhelm Gottlieb HAUNSCHILD] hat es bis 1883 in seinen Händen gehabt; sein Vorname war Gottlieb. Das Gut umfaßte 44 ha Land, wovon 4,5 ha Wiese waren. Der Boden umfaßte alle Klassen; die gute Hälfte davon war Rüben- und Weizenboden. Wie ein breites Handtuch, das in der Mitte durch den Feldweg geteilt wurde, zog sich das Feld etwa 1,5 km bis zum Grögersdorfer Hinterfeld hin. Den Abschluß bildeten die Wiesen, die durch den Grenzgraben, der in der Lohe mündete, abgeschlossen. Das wildreiche Erlich (Waldstück) gab der Wirtschaft Nutzholz und Brennholz und uns Jungens im Sommer manche Freude.
Zu den Gebäuden gehörte ein geräumiges zweistöckiges Wohnhaus mit 6 Wohnzimmern, 2 Küchen, 2 Mädchenkammern, einer großen Vorratsstube und 2 Hausflure und 1 Kellerraum von etwa 20 qm. Der Hausboden war viele Jahre Schüttboden für Getreide und Futtermittel. An den Längsseiten zogen sich die Stallgebäude hin. Oben schloß eine zwei-tennige Scheune den Hof ab. Hinter ihr standen bis nach dem 1. Weltkriege eine Anzahl Pappeln. Darunter waren einige mit ihren 80 Jahren einen Umfang von 5 m und eine Höhe von 35 m erreicht hatten. Sie waren das Wahrzeichen vom Dorfe. Im Umkreis von 1 Meile waren sie überallhin sichtbar. Zum Hofe gehörte noch ein Arbeiterhaus, worin zwei Familien wohnten. Ein großer Obstgarten lieferte in den Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg der Wirtschaft genügend Obst.
Das Dorf gehörte zum Kirchspiel Karzen, dem Amtsbezirk Rotschloß, Meldeamt Münsterberg und Landgerichtsbezirk Schweidnitz an. Die Schulpflichtigen Kinder gingen bis etwa 1910 nach Karzen in die Schule; dann wurde in Naß-Brockgut eine Schule errichtet. Zuerst wurde in der Scholtisei unterrichtet; etwa 1932 baute man ein neues Schulhaus am Querweg nach den beiden Chausseen. Die Gemeinde hatte nur 10 Hausnummern; hiervon waren 7 Bauerngüter, 1 Gasthaus mit Schmiede, das Gemeindehaus und eine Häuslerstelle. Bis Strehlen waren 8,5 km, nach Karzen 1,8 km. Nach Strehlen fuhren Freitags die Bauern ihre Produkte wie: Butter, Eier, Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln usw. zum Markt. Auch besuchten Händler aller Art das Dorf und kauften Vieh, Getreide und Kartoffeln auf. Die Jugend vergnügte sich im Winter mit Schlittschuhfahren auf dem Plaetschke-Teich; oder sie strolchte bis an die Lohe (Nebenfluß der Oder), um hier mit der Hechtgabel zu fischen. Im Sommer mußte sie außerhalb der Schulzeit feste in der Landwirtschaft zupacken, besonders beim Rübenverziehen und Kartoffelauflesen. Die Bauern bewirtschafteten ihre Güter bis 1900 zumeist mit ledigen Leuten. So arbeiteten auf dem väterlichen Hof 4 weibliche und drei männliche Dienstboten, die alle am Tische bewirtet wurden. Wir waren zum Mittagtisch gewöhnlich 14 Esser. Am Tisch des Vaters saßen wir 4 Kinder, die Eltern und der Großvater. Ich war dem Großvater besonders ans Herz gewachsen; überallhin begleitete ich ihn. Ostern 1890 begleitete er mich nach Karzen zur Schule und meldete mich beim Kantor Bürkner als Schulanfänger an. Da Großvater viele Bücher hatte, saß ich viel bei ihm und las darin. Der Großvater war selbst sehr belesen und galt im Dorfe und in der Umgebung als ein sehr gelehrter Mann.
Von ihm will ich mehr erzählen:
Als junger Mann hat er [Friedrich Wilhelm Gottlieb HAUNSCHILD] 2 Jahre auf dem Gericht in Brieg als Schreiber gesessen. Dabei hat er wohl die Grundlagen für sein späteres Können gelegt. Anträge, Eingeben, Reklamationen u.a. fertigte er aus wenn die Dorfbewohner ihn darum baten. Als Soldat hat er bei den 'Elfern" (Infanterieregiment Nr. 11) in Breslau gedient. Gern erzählte er davon, daß er beim Besuch des Königpaares Friedrich-Wilhelm IV. [geb. 1795, König von Preussen 1840-1861] im Schloße Posten gestanden hatte. Die Soldaten nannten die Königen [Elisabeth von Bayern] die "schwarze Liese". Im Revolutionsjahr 1848 wurde er zur Besatzung nach Neiße/Oberschlesien eingezogen. Da es damals eine Eisenbahn nach Neiße noch nicht gab, mußte er hin und zurück laufen. Im Jahre 1847 heiratete er Auguste Schönfelder aus Friedersdorf; gleichzeitig übernahm er in Naß-Brockgut den Hof. Dieser wurde ihm von seinem Vater zur Hochzeit gekauft und geschenkt. Aus seiner Ehe gingen 4 Söhne hervor. Es waren:
Von den Enkeln und Enkelinnen leben noch:
Von 1.
Von 2.
Von 3.
Von 5.
Der Großvater war im Alter noch sehr beweglich, im Geist als auch körperlich, so daß er noch verschiedene Ämter und Ehrenämter versehen konnte. Als Vertreter der "Colonia" (Versicherung) hatte er im Kreise viel Zuspruch. Als stellvertretender Vorsitzender des Gemeindekirchenrates war er befreundet mit den amtierenden Geistlichen in Karzen. Fast sonntäglich besuchte er die Gottesdienste. Vom Herrn Pastor Bauch, der bei Mondschein Jauche fuhr und Mist breitete, hat er oft erzählt und wie er mit ihm und dem kath. Pfarrer aus Rothschloß oft "Solo" (Karten) gespielt hat. Superintendent Marthen überreichte ihm zum 80. Geburtstage das Kreuz des allgemeinen Ehrenzeichens. Da er sich den Kronenorden IV. Klasse eingebildet hatte, soll er an die Umstehenden gesagt haben: "Eine Kiste Zigarren wäre mir lieber gewesen"!
Dem jungen Kaiser war er nicht hold; dagegen verehrte er Bismarck (Reichskanzler) sehr. Er rauchte viel und trank gern ein Glas Bier. An unserem Kinderfest 1896, zur 25. Wiederkehr der Schlacht von Sedan, ist er noch mit 2 alten Herren in der Säbisch Wette gelaufen und ist als Sieger hervorgegangen.
Als Schiedsmann des Amtsbezirkes hat er manchen Streit geschlichtet. Er verwaltete die Zinsen der Polschen Stiftung. Sämtliche Arbeiterkinder erhielten aus ihr Kleidungsstücke und Stiefeln. Die Handwerker wurden bestellt, nahmen Maß und probierten an und wurden bezahlt; das alles geschah unter Aufsicht von Großvater.
Bei Hochwasser richtete die Lohe großen Schaden an, darum wurde sie reguliert. Hohe Dämme wurden gezogen, damit das Wasser in seinem Bette bleib. Die hohen Kosten mußten alle Anlieger bis zu einem Kilometer Entfernung tragen. Gegen die "Loherente" wurde Einspruch erhoben und Großvater hat für die Besitzer schriftlich und mündlich gekämpft, meist mit Erfolg. Im hohen Alter wurde er vom Landgericht Schweidnitz nochmals als Geschworener ausgelost. Als er vom Auditorium begrüßt wurde, haben alle (auch die Herren Richter) gesungen: "Lebt denn der alte Haunschild, Haunschild noch", usw. Er hat sich sehr darüber gefreut. Von den Richtern wurde er sehr geschätzt; war er doch in Versicherungsangelegenheiten öfter als Sachverständiger in Prozessen geladen worden. Als Mensch besaß er klaren Verstand, hellen Mut und eine sehr seltene Gabe: ein prophetischen Blick in die Zukunft.
Da er viel las und politisierte, ahnte er genau, was über Deutschland hereinbrechen würde. Zu uns Enkelsöhnen sagte er einmal:
"Richard, du wirst nicht Soldat, während Alfred und Georg Soldaten werden und auch in den Krieg ziehen müssen, der in 1913/14 ausbrechen wird. Ihr kommt aber gesund nach Hause. Der Krieg wird für Deutschland verloren gehen. Etwa 1940 wird aber der 2. Krieg ausbrechen. Der letzte Krieg wird in Asien ausgefochten werden."
Was er im prophetischen Geiste vorausgesagt, ist wörtlich eingetroffen. Seine prophetische Gabe hatte er nicht von der Weisheit dieser Welt, sondern vom Geist Gottes, der ihm, in gegenseitiger Liebe gewachsen war. Sein Lieblingslied, das er oft nach seinem Abendgebet laut sang, war: "Der beste Freund ist in dem Himmel", wovon er alle 6 Strophen sang. Die letzten Jahren seines Lebens brachte er bei seiner Tochter, Frau HÄUSLER, in Hermsdorf, Krs. Brieg, zu. In der Osterwoche 1907 besuchte ich ihn noch einmal. Fast 88-jährig, fühlte er das Abnehmen seiner Leibeskräfte. Sein Geist war bis zur letzten Stunde rege. Am Gründonnerstag nahm ich Abschied von ihm; ich sollte alle Verwandten grüßen und ihnen sagen, daß sein Ende nahe ist. Auch dem Herrn Superintendenten sollte ich Grüße bestellen und ihm sagen, er habe bis zuletzt Glauben gehalten. Nach 2 Stunden war er sanft entschlafen.
Seine sterbliche Hülle wurde in seine Heimat überführt und am 3. Osterfeiertag auf dem Karzener Gottesacker beigesetzt. Herr Superintendent Marthen sprach über 2. Tim. 4 Vers 7 und 8, "Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet; ich habe Glauben gehalten." Herr Landrat von Goldfuß war auch anwesend. Seine Gebeine ruhen im Erbbegräbnis neben seiner schon 1890 verstorbenen Gattin. Er war am 15. April 1819 in Schönfeld, Krs. Brieg, geboren und starb am 28.3.1907 in Hermsdorf, Krs. Brieg.
Noch ein Nachsatz über meinen Großvater:
Besonderes Interesse wandte er dem Obstbau zu. Zu meiner Jugendzeit stand der 3 Morgen große Obstgarten voller Obstbäume, die der Großvater angepflanzt hatte. Die Pflege oder die Veredlung derselben nahm er selbst vor. Ich half ihm dann bei der Obsternte. Im Hause sorgte er für Holz, das er zumeist selbst zerkleinert hatte.
![]() Ida Reimann u. Gustav Haunschild |
Am 1. Oktober 1883 hatte mein Vater, Gustav HAUNSCHILD, das Gut übernommen. Am 24. Oktober desselben Jahres verheiratete er sich mit Ida, geb. REIMANN, die am 8.9.1858 in Kurtsch, Krs. Strehlen geboren wurde. Der Vater war der drittälteste Sohn. Er war am 1.9.1853 in Naß-Brockgut geboren. Er besuchte die Schule in Karzen und wurde auch in der Karzener Kirche konfirmiert. Ein Jahr hat er noch die Präperandie in Steinkirche besucht. Bis zur Militärzeit blieb er im väterlichen Gut tätig. Im Jahre 1873 bis 1877 diente er als Ulan dem großen König und dem Vaterlande. Ein Jahr davon wurde er zur Reitschule nach Hannover abkommandiert. Sein Standort war in Pleß/Oberschlesien. Der Ehe entsprossen 6 Kinder. Fritz und Margarethe starben im zartesten Kindesalter.
Unsere Mutter ist in Kurtsch, Krs. Strehlen, geboren. Ihre Eltern hatten ein Bauerngut von 190 Morgen. Viermal ist von diesem Gut die Scheune abgebrannt und vom Großvater wieder aufgebaut worden. Die Großmutter habe ich noch gekannt und weiß mich auf sie zu erinnern; sie starb 1893. Die Mutter hatte 4 Brüder, nämlich:
Die Eltern waren bestrebt, aus uns brauchbare Menschen zu machen. Jederzeit sollten wir vor allen anderen Dingen Gott lieben, fürchten und ehren; seine Gebote halten und zu ihm morgens und abends beten. Wenn wir unsere Schulaufgaben gelöst hatten, dann mußten wir unsere Hände für die Wirtschaft rühren. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts hatten die Landwirte geringe Einkünfte aus ihren Produktion. Reichskanzler Caprivi überschwemmte das Reich zollfrei mit ausländischen Waren. Die Bauern klagten mit Recht über ihre Not. Viele Bauern mußten Kurs anmelden. Nur durch äußerste Sparsamkeit war es den Eltern möglich, sich über Wasser zu halten; darum mußten wir Jungens fremde Leute ersetzen und tüchtig und fleißig die Hände rühren. Auch in den Ferien habe ich fleißig geholfen.
Unser Vater war 1,72 m groß, hager und schnell im Lauf. Seine Charaktereigenschaften fußten auf seiner Gottesfurcht. Als Hausvater gab er in allem der Familie das beste Vorbild. In herzlicher Liebe war er unserer lieben Mutter und uns Kindern zugetan. Der gute Vater hat uns selten gezüchtigt; vielmehr hat er uns durch Güte zu bessern gesucht.
Unsere Mutter war etwa einen Kopf kleiner als der Vater; sie war starken Leibes, aber auch flink. Auch sie trug Gott allzeit im Herzen und in Gedanken. Sie hörte uns den Katechismus und die Kirchenlieder ab, die wir aufbekamen. So ruhig und gelassen der Vater war, so war die Mutter leicht erregbar und hieb zu, ohne zu fragen, wohin es traf. So leicht war es ja nicht, uns drei Jungen im Zaum zu halten. Ihre Erziehung war über alles gerecht; ich danke Dir, liebe Mutter, heute noch dafür.
Für die Armen hatte sie immer ein mitleidiges Herz. Wer an ihre Tür klopfte, ging nicht leer davon. Weihnachten erhielten alle die uns irgend einen Dienst erwiesen hatten wie: der Briefträger, Gemeindebote, Friseur, der Schneider, der Kantor und der Pastor einen großen Kuchen. Letztere beide auch noch eine Ente oder Gans. Sodann erhielten alle armen Kinder des Dorfes jeden Festtag ein großes Stück Kuchen.
Unsere Eltern haben sich redlich bemüht, uns Kindern eine Existenz zu erschaffen. Die Mutter sagte immer, es kann nur einer von Euch Bauer werden, der den Hof bekommt. Die anderen beiden müssen etwas anderes werden. Es reicht nicht so weit, daß wir jedem einen Hof kaufen können.
Ida Reimann u. Gustav Haunschild mit Kinder und Enkel, zirka 1925. |
Ich wurde Lehrer und unser Georg Kaufmann. Von meinem Werden bis zum Lehrer erzähle ich in einem besonderen Abschnitt. Da ich zum Dienst in unserer Armee nichts taugte, wurde ich nur zum Landsturm mit Waffe ausgemustert. Mein Bruder Alfred ging freiwillig nach Berlin zum 2. Garde-Ulanenregiment und Bruder Georg zum 3. Garde-Feldartillerieregiment auch in Berlin. Im Jahre 1914 rückten beide mit ihrer Regimentern in den Krieg. Bruder Alfred kam zur Munitionskolonne eines schweren Art.-Rgt. und Georg als Sanitätsunteroffizier zu einem Res. Art.-Rgt. Beide erhielten für erwiesene Tapferkeit das Eiserne Kreuz II. Klasse und beide kamen gesund nach dem Krieg in die Heimat zurück. Im Jahre 1919 verheirateten sich beide. Alfred übernahm das väterliche Gut und schloß den Ehebund mit Emilie, geb. VOELKEL aus Großjeseritz, und Georg mit Martha, geb. MOESE aus Karzen. Er pachtete in Breslau, Rosenthalerstraße die Firma Tietze (Kolonial-Wein-u. Zigarrenhandlung). Später übernahm er das Gasthaus "Zum Gardestern" als die Schwiegereltern beide gestorben waren. Schon in Breslau waren aus der Ehe ein Sohn und eine Tochter hervorgegangen. Albrecht, der Landwirt, ein Riese in seiner Leibeslänge (1,90 m) und Gisela, die kluge Buchhalterin, sind des Vaters Freude, der in der Fremde Witwer geworden ist. Bruder Alfred ist kinderlos geblieben. Am 2. Jan. 1928 starb unser Vater und am 16. Mai 1933 unsere liebe Mutter. Sie liegen beide in einem Erbbegräbnis auf dem Karzener Friedhof. Der Herrgott gebe uns die Heimat wieder, damit wir ihre Gräber wieder in Ordnung bringen können!
![]() Die Geschwister Haunschild: Alfred, Richard, Georg, Else (Richard's Frau), Elisabeth. (z.1913) |
Von den 6 Kindern ihrer Ehe leben heute noch:
Von den Brüdern ist schon das Wesentlichste berichtet. Es bleibt noch von der Schwester einiges nachzuholen. Als fünfjähriges Mädchen fiel sie einmal vom Sofa und war danach nicht mehr imstande aufzustehen. Sie hatte sich ein Oberschenkelkopfgelenk verrenkt. Der Gelenkkopf war aus der Pfanne gesprungen. Sie wurde sofort nach Strehlen zum Arzt gefahren, der jedoch keinen Rat wußte. Er schickte die Eltern mit dem Kind nach Breslau in die Universitätsklinik. Hier war kein Platz frei, deshalb sollten sie am nächsten Tag wiederkommen. Die Eltern fuhren mit meiner Schwester wieder nach Hause und suchten auf Anraten verschiedener Leute den Schäfer in Gr.-Lauden auf. Der legte Elisabeth auf einen Tisch und reckte und streckte das Bein. Dann ließ er Elisabeth sich hinstellen, und siehe da, sie konnte wieder unbeschwert laufen.
Später lernte Elisabeth bei Kantor Lüdke das Klavierspielen wie auch wir Jungen. In der gesamten Hauswirtschaft wurde sie von der Mutter angeleitet, ebenso in der Viehwirtschaft. Brauchte sie der Vater in der Scheune oder im Felde, so mußte sie ebenso ran wie wir Brüder. Um einen gut-bürgerlichen Haushalt zu lernen, schickten sie die Eltern nach Liegnitz zur Pension Nocke, wo sie ein ganzes Jahr verblieb. Im Jahre 1910 hat sie mir ein Vierteljahr den Haushalt geführt. 1914 verheiratete sie sich mit dem Bauer Georg WIEHLE in Kuschlau bei Strehlen, der schon im August 1914 in den Krieg mußte. [Wichtige Notizen - 1. Teil] Ihr Los erschwerte sich dadurch, weil sie ihre kranke, gelähmte Schwiegermutter pflegen mußte. Diesen Samariterdienst versah sie bis zu ihrem Tode.
Vier Söhne wurden ihr geboren. Gotthard starb im zartesten Alter. Die drei anderen zog sie auf in Zucht und Ehren. Ihr galt es, ihre Söhne im Glauben an Gott und in den christlichen Tugenden aufwachsen zu sehen. Alle Drei besuchten das Gymnasium in Strehlen. Der Älteste bestand noch das Abitur, ehe er zum Militär eingezogen wurde. Der Zweite erreichte die Obersekunda und wurde volontierender Landwirt. Der Jüngste wurde noch vor dem Abitur eingezogen. Mit betenden Herzen wurde um das Leben der drei Söhne gebangt. Der allerbarmherzige Gott beschloß es anders als menschliches Verstehen. Er suchte die Eltern schwer heim. [Wiehle Notizen - 2. Teil]
Die beiden ältesten Söhne wurden Opfer des Krieges. Herbert, der älteste, verbrannte mit vielen Kameraden auf der Rückfahrt vom Urlaub aus der Heimat im geschlossenen Eisenbahnwaggon. Wahrscheinlich ist der Wachtposten eingeschlafen, und durch den eisernen Ofen ist das Feuer entstanden. [Briefe über Herberts Tod 1943]
Werner, der zweite, fiel infolge seines Draufgängertums von Leningrad durch Kopfschuß. [Briefe über Werners Tod 1941]
Gerhard (der jüngste) wurde dreimal verwundet. Die letzte Verwundung war schwer. Er kämpfte in Oberschlesien bis zum Ende mit und kam in Kriegsgefangenschaft. [Erlebnisse am Kriegsende] Er wurde wegen seiner Verwundung bald entlassen und blieb mit seinen Eltern noch 2 Jahre bis 1947 (September) in Kuschlau. Nach der Vertreibung kamen sie in Quarantäne nach Freiburg/Sachsen. [Erlebnisse in der Ostzone] Dann wurden sie nach Crimmitschau weitergeleitet, wo sie heute noch leben. Der Schwager verdient sich mit seinen 67 Jahren durch schwere Arbeit sein Brot. Als Mühlknecht transportiert er die schweren Säcke von einem Ort zum andern. Vorher hatte er eine leichtere, aber sehr staubige Arbeit als Wolfer in einer Textilfabrik. Die Schwester geht als Aufwartefrau arbeiten. So hart sie das Schicksal auch angepackt hat, so still und zufrieden sind sie beide.
Hier auf Erden haben sie nur den einen Wunsch, mit dem jüngsten Sohn Gerhard wieder vereinigt zu werden, der im Jahre 1951 nach Kanada ausgewandert ist. [Brief an Källners in Hude 1953]
In Jahre 1953 war es ihnen möglich, von Bremerhaven aus nach Kanada auszuwandern. Sie wohnen in Kanada im Staate Ontario. [Reise von Crimmitschau nach Kanada 1953]
Hier enden Onkel Richards Erinnerungen zur Familienchronik.
