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früher Kr. Nimptsch, ab 1932 Kr. Strehlen: Grögersdorf, Kaltenhaus, Karzen, Klein Jeseritz, Kurtwitz, Naß Brockguth (Naß Brockuth), Pudigau, Rothschloß (Schlottnitz), Säbisch, Teichvorwerk, Tiefensee |
| Karzen, früher Kr. Nimptsch, ab 1932 Kr. Strehlen |
Beilage zum 28. Karzener Rundbrief (1966)
In der fruchtbaren Ebene zwischen großer und kleiner Lohe, von Nimptsch, Strehlen und dem Zobten je 11 km gleichweit entfernt, errichteten deutsche Siedler - wie die älteste Turmfahne kündete - im Jahre 1161 ein schlichtes Marienkirchlein und, westlich daran anschließend, ein doppelzeiliges Straßendorf nach deutscher Art. Daraus wurde im Laufe der Zeit die zuletzt 2400 Seelenzahlende Kirchengemeinde Karzen, die - längere Zeit auch Sitz der Superintendentur des Kirchenkreises Nimptsch - außer dem Pfarrdorf noch 7 umliegende Ortschaften umfaßte [Pudigau, Grögersdorf, Naßbrockgut (mit Teichvorwerk), Kurtwitz, Rotschloß, Klein Jeseritz, Tiefensee] und in Ihrem äußesten Gestände seit altersher durch einen betrachtlichen Grundbesitz (60 ha Acker) und einen großen eigenen Pfarr - Gutshof gesichert war. Von dem im 30-jährigen Kriege erlittenen Verwüstungen, denen insbesondere die Pudigauer Filialkirche für immer zum Opfer gefallen war, hatte sie sich dank einer ungetrübten Entwicklung bald erholen können. Seit dem 19. Jahrhundert bildete der mit großem Fleiß und Erfolg betriebene Zuckerrübenanbau die Haupterwerbsquelle der im übligen rein bäuerlichen Bevölkerung. Die Schrecken des 2. Weltkrieges schienen an dieser Gemeinde bis zuletzt gnädig vorübergehen zu sollen. Da änderte sich mit Beginn des Jahres 1945 alles und 2 Jahre genügten zu zerschlagen, was Generationen in einer mehr als 750-jährigen Geschichte aufgebaut hatten. Nachdem die meisten der wenigen noch anwesenden Männer zum Fronteinsatz beim Volkssturm abtransportiert worden waren, schlug am 8. Februar für die gesamte Gemeinde die Stunde des Aufbruchs ins Ungewisse. Aber nicht westwärts zog man - wie die Trecks, die im Januar aus den Gebieten rechts der Oder durch Karzen gekommen waren, sondern nach Süden - und harrte schließlich im Raume Glatz-Habelschwerdt der Dinge, die da kommen sollten. Die jenigen, die sich nicht zum Mitgehen hatten entschließen können, und das waren nicht nur Alte!, hatten ihren Entschluß bitter zu büßen. Denn unmittelbar nach der Flucht der Anderen wurde das gesamte Kirchspiel bis zum Zusammenbruch vörderste Kampfgelände. Besonders hart umfochten waren in diesen 3 letzten Kriegsmonaten das Pfarrdorf Karzen selbst und der große, gepflegte Friedhof, in dem die Toten aus allen 7 Ortschaften der Kirchengemeinde ruhten!
Im Verlauf der Kampfhandlungen wurden das erst 1913/14 erbaute neue Pfarrhaus, daß oft „das schönste Dorfpfarrhaus Schlesiens" genannt worden war, das Pfarrgut, sämtliche Scheunen und nicht wenige andere Gebäude total vernichtet. Schwer beschädigt wurde u.a. die wuchtige Kirche aus Strehlener Granit, die der preußische König als Patron der Karzener Kirche 1857 - 1860 hatte erstellen lassen. Alle Felder aber wurden von den kampfenden Truppen bis zum äußersten vermint...
Sofort mit Beendigung der Kampfhandlungen machten sich die zerstreuten
Gemeindeglieder auf, in die Heimat zurückzukehren. Niemand hatte von der
Möglichkeit, noch rechtzeitig durch die Tschechei nach dem Westen zu
entkommen, Gebrauch gemacht. Ungeachtet aller Gefahren zogen sie heimwärts,
nächtigten in den Wäldern und erreichten teilweise schon wenige Tage nach
dem Kriegsende ihre Väterheimat. Sie wollten noch einmal anfangen - so wie
einst die Vorfahren 1172 angefangen hatten. Die hatten freilich auch kein
fertiges Nest vorgefunden, sondern weite Sümpfe und dichte Wälder. Aber doch
ein Gebiet, über dem die Verheißung des Lebens lag. Doch die Ankömmlinge
von 1946 betraten ein Gebiet, über dem der kalte Hauch des Todes war. Nie
werden sie die grauenvollen Bilder vergessen, die sich ihnen boten. Die
Leichen gefallener Soldaten, Freund wie Feind, auch mancher Erschlagene aus
den Reihen der Zurückgebliebenen, dazu die Cadaver des verendeten Viehs lagen
umher. Unbeschreiblich war der Gottesacker mitgenommen...
In Kellern und Bunkern fand man erstes Unterkommen, aus vorjährigen Kartoffelmieten die erste Nahrung, aus einem Überrest von Viehsalz gewann man die Würze dazu. Der Tod aber war nicht gesonnen, sein Reich den Lebenden widerstandslos zurückzugeben. Auf mancherlei Weise schlug er immer wieder zu: eine Anzahl gerade jungerer Frauen bezwang er mit der Seuche des Thyphus, die Kleinkinder mit dem katastrophalen Mangel an Milch und Fett. Unter den Mannern hollte er seine Opfer besonders während des befohlenen und erzwungenen Minensuchens.
Die jenigen, die die erste, schlimmste Zeit überstanden, mußten mit der Bibel sagen: „Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind..." Aber hart und bitter genug blieb das Leben, auch wenn allmählich die unmittelbaren Todesgefahren geringer wurden. Rechtlosigkeit, Angst, Plünderung, Zwangsarbeit wurden zum täglichen Brot.
Schlimmer noch als die Tage waren oft die Nächte, vor allem seitdem, schneller als alles andre, die Schnapsfabrik in Rothschloß wieder hergestellt worden war.... Im Hochsommer 1945 übernahmen polnische Familien die Höfe auch in diesem verwüsteten Gebiet. Mit ihnen kam die Miliz.... Doch genug davon! Eine harte Bewährungprobe bildete noch einmal der Winter 1945/46, gab es in dieser waldleeren Gegend kein Brennmaterial, auch keine Beleuchtung und für die Kranken keine Medizin. Die immer noch im Herzen flackernden Hoffnungen auf eine Wendung zum Besseren aber zerriß am 5.8.46 der binnen weniger Stunden zu vollziehende Ausweisungsbefehl brutal. Nur die unentbahrlichen Arbeits- und Fachkräfte wurden zurückgehalten, bis auch sie im Oktober bzw. Dezember 1946 - vertrieben wurden.
Wie nie zuvor wurde der Gottesdienst in dieser 2-jährigen Notzeit der Gemeinde zum Trost- und Kraftquell. Obwohl die Kirche unbenützbar geworden und der Ortsgeistliche in Gefangenschaft war, fanden die Gottesdienste ohne Unterbrechung statt. Seit Oktober 1945 wurde die Gemeinde von einem Pastor versorgt, der freiwillig aus dem Westen nach Schlesien zurückgekehrt war, um der verwaisten Herde als Hirte zu dienen. Zum Tragen kam in ungeahnter Weise auch die Gemeinschaft der Liebe untereinander. Der letzte Bissen wurde miteinander geteilt. Einer verbarg den anderen unter eigener Lebensgefahr. Noch heute hält dieses gemeinsame Erleben in schwerster Zeit die vertriebene Gemeinde in ihrer Zerstreuung unlöslich zusammen.
„Zur Liebe Gottes" hieß das Karzener Gotteshaus! Von ihm steht heute
nichts mehr, da es inzwischen abgebrochen worden ist. Aber die Liebe Gottes
selber ist nicht mit dem Hause, das der göttlichen Liebe geweiht war, vom
Erdboden verschwunden. In der Liebe Gottes lebt die ausgetriebene Gemeinde
auch heut und je Zt. weiter. Sie nimmt dabel unaufhörlich ihre Zuflucht zu dem
Gebet, das auf einem Liedblatt denen, die vor der Vertreibung kurzen Abschied
von ihrem Gotteshause nahmen, vom hohen Orgelchor herunter direkt vor die
Füße geweht wurde und nun das letzte ist, was wir aus unserer herrlichen
Kirche besitzen:
„Ach bleib mit deiner Gnade..." Und wem die Gnade bleibt, der hat auch in der Unruhe und Heimatlosigkeit dieser Erde Halt und Hoffnung.
M.H.
(Karzener Heimatpastor Hilbig, Schweinfurt, 1966)

