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Rud. Gleiß
Heimatblatt, Juni 1959, Juli 1959, August 1959, September 1959.
Anfang
1. Fortsetzung
2. Fortsetzung
3. Fortsetzung und Schluß
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Beim Blick auf das Meßtischblatt meiner engeren Heimat fällt mir das von zahlreichen Kindheitserinnerungen umwobene Dreieck "Groß-Peiskerau, Jankau, Gunschwitz" besonders ins Auge, dessen Oasis ein bescheidenes Bächlein, die Sarofke, bildet, welcher auch Schwoika seiner Länge nach aufgereiht ist. Es sei nun gleich daran erinnert, daß es noch ein zweites Wässerchen gleichen Namens, die Alt-Schliesaer Sarofke, gibt. Beide entspringen als Quellflüßchen im Gebiet des flachen Hügelzuges Gollnerhain-Strehlen, durchfließen auf getrennten Wegen das fruchtbare heimatliche Schwarzerdegebiet und reichen sich hinter Wilkowitz die Hand, um nun treu vereint der Lohe zuzueilen, der sie allerdings während der trockenen Sommerszeit recht wenig Wasser auszuhändigen haben. Aus dem Jahre 1204 weiß man, daß unsere Sarofke damals mit "Sirovina" bezeichnet wurde. Dieser Name durfte nach "Vollmann" mit "zoraw" (=Kranich) oder mit "zorawina" (=Moosbeere) zusammenhängen. So mag es gekommen sein, daß man nach 1933 das kleine Wasser in "Moosbach" umbenannte. Im Gedächtnis der Heimatgenossen wird unser Dorfbach sicherlich als Sarofke weiterleben.
Ist auch anzunehmen, daß die Menschen der Vorzeit den moorigen Ufern der Sarofke wohnlich fernbleiben mußten, so gehören doch nach mancherlei Funden die höheren Stellen des Geländes mit zu den älteren Siedlungsgebieten unseres Heimatkreises. So ist es gewiß bezeichnend, daß man im Dorfe selbst auf keinen vorgeschichtlichen Fund stieß, daß es aber in den am Ostrande des Ortes erhöht gelegenen Sandgruben keineswegs an vorgeschichtlichen Zeugen fehlte, die von einer recht frühen Anwesenheit des Menschen zu erzählen wußten.
So war der Fund einer verlorengegangenen durchbohrten Steinaxt bekannt, die der Beschreibung nach der jüngeren Steinzeit (4000-2000 vor Christi Geburt) angehörte. Verloren gingen leider auch Tongefäße, welche die Magd meiner Eltern bei einer Gemeindearbeit, bei der Handdienste (Sandschachten) zu leisten waren, fand. Diese Tonware gehörte allem Anschein nach der frühen Eisenzeit (800-500 v. Chr. Geb.) an. Leider nahm der Schöffe, welcher die Aufsicht führte, der Magd den Fund ab, ohne denselben jemals den Breslauer Vorgeschichtsforschern auszuhändigen. Schließlich war in dem mustergültig geführten Archiv des Breslauer Vorgeschichtsmuseums der Fund von zwei geknöffelten bronzenen Armringen vermerkt, welcher bekundete, daß auch das Volk der Kelten, welches um 400 v. Chr. Geb. aus dem nördlichen Voralpenlande durch Böhmen nach Schlesien vorstieß und z. B. bei Zottwitz so markante Spuren hinterlassen hatte, vorübergehend am Ufer der Schwoikaer Sarofke auftrat. Von einem bei unserem Dorfe getätigten Funde aus der Germanenzeit wurde allerdings bisher nichts bekannt.
Um so bezeichnender ist für meine engere Heimat ein Fund aus der eng benachbarten Groß-Peiskerauer Sandgrube, den ich, was mich noch heute freut, den zuständigen Vorgeschichtlern aushändigen konnte. Und das kam so: Herr Klowersa, kurz Klose genannt, der zweite Lehrer der Groß-Peiskerauer Schule, unternahm eines Nachmittags mit mir und einem älteren Knaben einen heimatkundlichen Spaziergang. Dabei wurde auch der frische Aufbruch einer zwischen Friedhof und Sarofke gelegenen Sandgrube in Augenschein genommen. Auf einmal hielt uns Herr Klose dunkle Scherben vor die Nase, und erklärte uns die unscheinbaren Fundstücke als Reste germanischer (silingischer) Tonware, was uns mächtig interessierte. Das kleine Erlebnis packte mich derartig, daß ich meinem heute noch lebenden Jugendgenossen Heinrich Pittke eingehend davon erzählte, was reichliche Früchte bringen sollte.
Einige Jahre später, ich besuchte bereits das Kreuzburger Seminar, mußte mein einstiger Schulkamerad in der Groß-Peiskerauer Sandgrube für Schwoika Gemeindearbeit leisten. Dabei stieß er auf einen außer-gewöhnlichen Fund, den er unauffällig im benachbarten Getreidefelde in Sicherheit bringen und abends für mich bei meinem Vater abliefern konnte. Da stand ich nun in den Ferien beglückt vor einer doppelkonischen, großen Urne, die mit Mäandern verziert war und außer einer gut erhaltenen Stoßlanze die beschädigte Spitze einer Wurflanze, dazu einen Feuerstahl und eine eiserne Messerklinge enthielt.
Als ich wenige Jahre später sehen mußte, daß ein ausgebrochenes Tonstückchen neben dem schönen Gefaß lag und die Lanzen Rostblaschen zeigten, brachte ich den gesamten Fund nach dem Breslauer Vorgeschichtsmuseum, wo sich die diensttuenden Vorgeschichtler freudig überrascht zeigten und sofort zu erklären vermochten, daß es sich bei den Fundstücken um den Inhalt der ehrenden Grabstätte eines silingischen Kriegers aus dem 4. Jahrhundert nach Christi Geburt handelte. Da dem weiteren Verderb der bereits angegriffenen Waffen und Werkzeuge durch eine sofortige Sterilisation Einhalt geboten werden mußte, überließ ich den Fund gern dem Altertumsmuseum und begnügte mich mit einer Photographie. Es ist nun nicht ausgescblossen, daß der geschilderte Fund einen interessierten Heimatgenossen nach 1933 veranlaßte, für "Schwoika" den Dorfnamen "Silingental" vorzuschlagen.
Interessant sind die Spuren, welche im Zeitraum der germanischen Vorbesiedlung unserer engeren Heimat die romische Kaiserzeit bei uns hinterlassen hat. Erinnert sei an folgendes: Im Besitze des Grafen York befanden sich romische Kupfermünzen, die in der Gemarkung Kauern gefunden wurden, wobei man den Fehler machte, die Geldstücke zu putzen. Im Zottwitzer Gelände fand man eine Silbermünze des römischen Kaisers Antonius Pius (138-161 n. Chr. Geb.). Peisterwitz meldete eine Silbermünze des von 193 bis 211 regierenden römischen Kaisers Septimus Severus. Groß-Peiskerau konnte sogar mehrere römische Silbermünzen vorweisen. Schließlich kam auch Schwoika zu einem derartigen Dokument der römischen Kaiserzeit. Eines Tages brachte mir einer meiner Bruder ein kleines, unscheinbares Geldstück vom Felde, das sich als römische Steuermünze entpuppte. Bei all diesen Münzfunden ist wohl anzunehmen, daß sie der Tasche eines römischen Bernsteinhändlers, den seine Geschäftsreisen durch daß Oderland nach der Bernteinküste der Ostsee führten, entstammen. Daß man vor vielen Jahren im Raume von Breslau-Hartlieb ein großes Bernsteinlager fand, das einstige römische Bernsteinhändler aus irgend einem Grunde hinterlassen hatten, ist ja bekannt.
Nachdem während der Zeit der "Völkerwanderung (450 n. Chr)" der größte Teil der silingischen Bevölkerung Schlesien verlassen hatte, sickerten slawische Menschen aus dem Osten in das ziemlich entvölkerte Odergebiet ein. Nun ist es doch auffällig, daß auf Schwoikaer Grunde auch nicht der bescheidenste Fund bekannt wurde, der eine ortliche Auswirkung der Slawenzeit bezeugen konnte. Es ist auch kaum anzunehmen, daß dem "deutschen Schwoika" trotz des slawischen Namens eine slawische Bauernsiedlung vorausgegangen ist.
Wie und wann also mag es zu der Entstehung des der Gehöfteform, der Bodenverteilung, der Sitten und dem Brauchtum nach hundertprozentig deutschen Bauerndorfes Schwoika gekommen sein? Ausführungen des schlesischen Historikers Stenzel, die uns zeigen, — "wie Schwoika ein Dorf des Brieger Hedwigsstiftes wurde", durften vielleicht einigen Aufschluß geben. Doch zunächst etwas Persönliches: Schon als Kind bekam ich öfters zu hören, daß die als Spielplatze so beliebten "Bargel", Teile der Dorfaue, dem Brieger Hedwigsstift gehörten. Dafür, daß die anliegenden Gehöfte jene Auenstücke mit Kopfweide bepflanzen und auf diese Weise nutzen durften, mußten sie alljährlich den entsprechenden Sarofkateil räumen, d. h. entschlammen.
Alte Kaufurkunden gaben mir weiteren Aufschluß über das Verhältnis Schwoikas zum Brieger Stiftsamte. Mein 1815 geborener Großvater, Georg Gleiß, hatte die Sattlerei erlernt. Als er nach einer Reihe von Wanderjahren in sein Heimatdorf zurückkehrte, erwarb er am 30. März 1848, also in einer bewegten und wirtschaftlich recht schwierigen Zeit in Schwoika die kleine Freigartnerstelle Nr. 19. Unter den beim Kauf übernommenen Realverbindlichkeiten befanden sich 70 Reichstaler, die samt Zinsen der Königlichen Stiftsamtskasse Brieg zustanden. Außerdem erwähnt die gleiche Urkunde 58 Reichstaler, 1 Silbergroschen und 2 Pfennige Laudemien (Lehnsgelder), welche Gottfried Knoll als Vorbesitzer bei dem einstigen Erwerb dieser Besitzung zur Kasse des Königlichen Stiftsamtes Brieg schuldig geworden war. Laudemien waren sogenannte Auf- und Abfahrtsgelder (= Lehnsgelder), die bei "abhängigen Grundstücken" zur Zeit des Besitzwechsels an den Lehnsherrn, in unserem Falle an das Brieger Stiftsamt, bezahlt werden mußten.
Doch nun zu der Beantwortung der Frage, "wie Schwoika dem Brieger Stiftsamt untertan wurde." Die Sache liegt ungefähr 600 Jahre zurück, fällt also noch in die Zeit des ungeheuren Werkes der friedlichen Wiederbesiedlung des deutschen Ostens. Nach Stenzel spielte bei jenem unsere Frage betreffenden Vorgänge ein altes Breslauer Patriziergeschlecht die Hauptrolle. Es handelt sich um eine Familie "Engelger", einen Namen, der um 1300 ziemlich oft in den Listen der Ratmannen und Zeugen der Stadt Breslau genannt wird. Im Jahre 1301 wird der Sohn des damaligen Familienoberhauptes unter der Bezeichnung "Johann Herr Engelger" erwähnt. Man nimmt nun an, daß der damals recht sparsam und mit Vorsicht gebrauchte Titel "Herr" auf den Adel des betreffenden Geschlechtes hindeuten dürfte. Engelger beteiligte sich, wie es bei jenen führenden Kaufmannsgeschlechtern Brauch war, an dem zu jener Zeit recht einträglichen Tuchhandel. Im Auftrage der Stadt Breslau lieferte er z. B. dem Herzog Bolko 8 Ellen kostbaren Scharlach. Von dem Sohne des Engelger erfahren wir, daß er im Jahre 1302 von den Ratmannen 50 Mark erhielt, über deren Wert man sich heute keine rechte Vorstellung machen kann.
1309 — immer nach Stenzel! — kommt der Sohn wieder vor. Er lieferte mit Konrad von Zindel als Steuereinnehmer die Kollekte des Breslauer Kaufmannsviertels ab. Verheiratet war dieser jüngere Engelger mit einer Christine Wiener. Dadurch gelangte sein Sohn, also der Enkel des zuerst genannten Patriziers, zu der Erbschaft des Dorfes Wäldchen bei Strehlen. Dieser Enkel hatte nun absolut nichts von der vornehmen Gesinnung eines adligen Kaufmanns denn er war ein ausgesprochener mittelalterlicher Spekulant. Dem Mulich von Reideburg schuldete er 50 wertvolle Mark. Den Brüdern von Schellendorf verpfändete er sein Dorf Wäldchen. Er verpfändete es aber auch den Brüdern von Schönhals und zwar für eine Schuld von 48 M. — Schließlich gelang es ihm, ein paar Freunde herumzukriegen, daß sie für 65 M. Schulden seiner Frau die Bürgschaft übernahmen. Auch seine Tochter Katharina suchte ihm finanziell zu helfen. Damit sie dem Vater unter die Arme greifen konnte, verkaufte sie gegen eine nicht genannte Summe 8 M Zins auf Bogschütz. Johann Engelger saß also recht tief in der Tinte. In seiner Not suchte er durch Spekulationsgeschäfte sein Glück zu machen. Er kaufte in Wäldchen für 32 M zwei Hufen Acker (!). Anstatt zu bezahlen, versprach er 12½ % Zinsen. Infolge seiner Gerissenheit gelang es ihm, noch im selben Jahr eine der Hufen für 29 M zu verkaufen. Durch dieses Spekulationsgeschäft kam er zu einem erhebliche Gewinn.
Gleiche Geschäfte gelangen ihm, was hier besonders interessieren durfte, mit "Schwoika" und Groß-Peiskerau. Da der herzögliche Lehnsmann, der in diesen beiden Dörfern saß, also gewiß kein Bauer, sondern ein Vorwerksinhaber gestorben war, zog der Brieger Herzog Boleslaus die beiden Lehen, also Schwoika und Groß-Peiskerau, ein. Engelger gelang es nun, dieselben in seine Hände zu bekommen. "Vielleicht", sagt Stenzel, "kam ihm dabei die verwandte Natur des verschwenderischen Herzogs Boleslaus zu Hilfe". Auch dieser war stets geldbedürftig und verpfandete abwechselnd Teile seines Besitzes. Wenn er 1342 ziemlich sorgenfrei nach Brieg übersiedeln konnte, — er hatte das Fürstentum Liegnitz seinen Sohnen Wenzeslaus und Ludwig dem späteren Brieger Herzog Ludwig I. übergeben, so war das nur seiner zweiten Frau, einer reichen Kroatin, zu verdanken, weil er mit deren Heiratsgut kurz zuvor Brieg und Ohlau wieder an sich gebracht hatte.
Also: Engelger erhielt "Schwoika" u. Groß-Peiskerau. Er verpflichtete sich dabei, an die Geschwister des verstorbenen Lehnsmannes einen jährlichen Zins von 21 M zu zahlen und für den Fall der Ehe zweier weiblicher Mitglieder der Familie des verstorbenen Lehnsmannes 40 M Ausstattungsgelder zu legen. Kaum waren einige Jahre vergangen, so verkaufte Johann Engelger in Groß-Peiskerau 15 Hufen Land, die ihm 100 M brachten. Dabei übernahm der Käufer eine Schuldenlast von 50 M, die sich zu 16 2/3 % verzinsten. Es folgten noch recht grobe Machenschaften betreffs Wäldchen; aber alle diese Spekulationsgeschäfte haben den Niedergang der Familie Engelger nicht aufzuhalten vermocht. Die Familie scheint auch bald ausgestorben zu sein. —
1375, also vor 584 Jahren, verleiht die Tochter Johannes des Urenkels des zuerst erwähnten Engelger, ihre "Güter in Schwoika" dem Herzog Ludwig I. von Brieg. Dieser Ludwig, einer der besten Fürsten, die Schlesien jemals hatte war das ganze Gegenteil seines Vaters. Treu und gewissenhaft verwaltete er sein Land. Durch Sparsamkeit und gute Haushaltung gelang es ihm, den verkauften Teil des Fürstentums Brieg, zu welchem auch die Städte Kreuzburg, Pitschen und Konstadt gehörten, wieder in seinen Besitz zu bringen. Es ist also kaum verwunderlich, wenn wir hören, daß Herzog Ludwig I. die ihm übergebenen "Schwoikaer Güter" nicht persönlich behielt. Er schenkte sie der Hedwigskapelle in Brieg. Seit dieser Zeit war Schwoika ein Dorf des Brieger Stiftsamtes und demselben untertan. Es sei also nochmals betont: "Dominium", d. h. Herrschaft meines Heimatortes war einst das Brieger Hedwigskloster, von dessen Schwoikaer Besitz als "von Gütern" gesprochen wird.
Polnische Bauernhöfe dürften wohl dabei nicht in Frage kommen. Es muß sich, schon der Bezeichnung "Güter" nach um größere Besitzeinheiten gehandelt haben, die dem "Krummstab" zu gegebener Zeit die planmaßige und durch nichts behinderte Ansiedlung deutscher Bauern ermöglichten. Gestützt durch den Flurnamen "Patersowski", unter dem eine größere Ackerfläche segelt, lebte bis in unsere Tage im Dorfe die Ueberlieferung, daß sich an der Grenze von Neu-Schliesa ein Vorwerk befand, von dem einst die Aussetzung des deutschen Dorfes Schwoika erfolgte. Das Vorwerk soll im 30-jährigen Kriege zerstört worden sein. Im Dorfe wurde auch erzählt, daß Schwoika in ganz alter Zeit ein Kloster besessen hatte, und in dem Zwinger, der die Bauernhöfe Sternagel und Lobe trennte, soll nach der Erzählung früherer Dorfbewohner hin und wieder um die mitternächtige Stunde eine weiße, betende Frauengestalt erschienen sein die man für den Geist einer Nonne, einer ehemaligen Klosterinsassin; gehalten habe! Der Name "Patersowski" welcher nach der Mitteilung meines Schwoikaer Schulkameraden Richard Kache eine Feldfläche von 120 Morger bezeichnet, wird in den von meinem Großvater hinterlassenen Dokumenten mehrfach in verschiedener Schreibweise erwähnt. 1841 spricht das Schwoikaer Dorfgericht von dem Frei- oder Pastorsowskyacker, das Land- und Stadtgericht Ohlau dagegen 1842 von der Pasterzowske und 1848 von der Pastersowski.
Diesen Ausführungen über die "Patersowski", wie der Name meistens ausgesprochen wurde, sei eine interessante Notiz angefügt, welche in der durch einen umsichtigen Heimatgenossen geretteten Groß-Peiskerauer Schulchronik enthalten ist. Danach besaß Schwoika bereits 1359 eine Mühle, zu welcher 2 Hufen Acker gehörten, und einen Kretscham. Um eine jener schlichten Mühleneinrichtungen der slawischen Zeit, welche aus einem Bodenstein und einem Reibstein bestanden, der schließlich durch eine oberhalb eingesetzte Stange bewegt wurde, kann es sich nicht gehandelt haben denn die Mühle brachte den hohen Preis von 86 Mark Prager Groschen. Eine ungefähre Vorstellung von ihrem Werte durfte man erhalten, wenn man an gleicher Stelle liest, daß damals eine halbe Hufe freien Erbes in Quosnitz für 12 Prager Groschen verkauft wurde! — Auf Grund der bereits gemachten Ausfuhrungen darf doch angenommen werden, daß im 14. Jahrhundert das deutsche Bauerndorf Schwoika entstand und dadurch gleichzeitig der gewältige Fortschritt der heimatlichen Müllerei erzielt wurde.
Aus den bewegten Tagen der Hussitenkriege und der Reformation, der sich Schwoika schon als eines der Brieger Stiftsdörfer zuwandte, lagen daheim keinerlei Zeugnisse vor; aber der Fund einer "dänischen Silbermünze", welcher auf einem unserer Ackerstücke gemacht wurde, führte die Gedanken in die grausamen Jahre des 30-jährigen Krieges zurück, da die verschiedensten Heereshaufen auch die Dänen, unsere Heimat durchzogen. Damals soll ja auch das Vorwerk "Patersowski" zerstört worden sein. Daß man in Schwoika, das dem Luthertum zugetan war, die Zeit Friedrichs des Großen begrüßte, die Duldsamkeit, Frieden, Ordnung u. Fortschritt brachte, kann man sich denken. Interessant war rnir daher stets der urkundliche Bericht, daß ein Vorfahre meines Vaters, dessen Mutter die mittelste Tochter des Erb- und Gerichtsscholzen Johann König zu Irrschnoke u. der Vater der Schwoikaer Bauer Gottfried Wallor war, dem Heere des "Alten Fritz" angehörte. Bauer Michael Wallor tat in der Leibkompanie des Regiments von Zaremba Dienst.
Wenn man in meiner frühen Kindheit im Dorfe auf die Freiheitskriege zu sprechen kam, so lebte überlieferungsmäßig vor allem die Erinnerung an das ruppige Verhalten der verbündeten Russen auf, von denen nach der Schulchronik die Groß-Peiskerauer Quartiergeber ein schlimmes Lied zu singen wußten. Hin und wieder mögen auch in Schwoika russische Abteilungen erschienen sein. Eine damit in Verbindung stehende Erzählung über einen an und für sich nichtigen Vorfall interessierte uns kleine Dorfjungen ganz besonders. Eines Tages mußte wieder einmal auf einem Bauernhofe eine Abteilung Russen bewirtet werden. Als denselben Klöße vorgesetzt wurden, ergriffen sie die dampfenden Bälle und bombardierten sich damit solange, bis die Schüssel völlig geleert war. Aber gerade dieser unschuldige Bericht war es, der die Phantasie von uns kleinen Burschen lebhaft nährte. Wie stachen doch die Preußen von jenen Verbündeten ab. So erzählt die schon mehrfach erwähnte Schulchronik, daß an einem Sonntage die ganze "Brigade Horn" durch Groß-Peiskerau marschierte, weshalb der Gottesdienst ausfiel. Die Einquartierung dieser Brandenburger erfolgte in Schwoika. Ihr Betragen daselbst war ohne jeden Tadel. Es wirkte vor allem wohltuend, daß sie alle Lebensmittel bar bezahlten. Wie mir mein im Heimatdorfe benachbarter Volksschulkamerad R. Kache mitteilte, befanden sich unter den Gefallenen der Freiheitskriege zwei Bruder Korb aus Schwoika. Selbige stammten von einer Freigärtnerstelle des Dorfes. Vormund der hinterlassenen Kinder war der Urgroßvater meines Berichterstatters.
Nicht selten kam daheim an langen Winterabenden unsere Großmutter auf das Hungerjahr 1848 zu sprechen, da so mancher notleidende Dorfgenosse auf dem Umlande Melden und Brennnesseln als Nahrung sammelte. Es soll sogar vorgekommen sein, daß den Bauern "eingegangene Schweine", welche verscharrt werden mußten, nachts von Hungernden ausgebuddelt und zum Teil verzehrt wurden. Freudig begrüßt wurde daher damals die Hilfe, die Lehrer Hiller brachte, wenn er als Schreiber des Dorfgerichts z. B. die Verteilung von Kocherbsen überwachte.
Besonders lebhaft wurden die älteren männlichen Dorfgenossen, wenn ihre Unterhaltung die Erinnerung an den Ablauf der Einheitskriege zum Inhalt hatte, von denen doch so mancher von ihnen als aktiver Teilnehmer zu berichten wußte. Den Vogel schoß dabei Stellmacher und Mühlenbesitzer Ernst Schindler ab, der 1864 bei dem Sturm auf die Düppler Schanzen dabei war, 1866 bei Koniggrätz kämpfte und 1870 als alter "Elisabether" bei Gravelotte erhebliche Rückenwunden davontrug, auf die er nicht wenig stolz war. Als Infanterist war auch Bauer Sternagel am gleichen Feldzuge beteiligt. Bauer Ulbrich und der alte Gastwirt Baumgart gehörten der "Schweren Artillerie" an und einer von ihnen, wenn nicht beide, waren an der Belagerung Straßburgs beteiligt. Stellenbesitzer Frühling nahm damals als "8. Dragoner" an dem Marsch nach Paris teil. Gespannt lauschte man als junger Bursche den Erzählungen der Alten; aber was waren jene siegreichen Kämpfe im Vergleich zu der Grausamkeit der Weltkriege. Und was uns kleine Dorfjungen wieder gehörig interessierte, war wieder ein recht nichtiges Ereignis, das nur den Rand des großen Geschehens berührte. Es war 1866. Die Ohlauer Husaren, so wurde uns erzählt, traten den Marsch nach Böhmen an, und kamen eines Morgens durch die Gemarkung unseres Dorfes geritten. So mancher von ihnen ließ den Kopf etwas hängen; denn es ging ja in einen Bruderkrieg! Da war es einer von ihnen, der wiederholt — und gewiß nicht ohne die gewunschte Wirkung — den Hahnenschrei als Weck- und Aufmunterungsruf ertonen ließ! Dieser Bericht machte uns Jungen viel Spaß.
Aus allen drei Einheitskriegen kamen die Teilnehmer als Sieger zurück, und auch Schwoika wußte seine Heimkehrer gebührend zu begrüßen und zu feiern. Aber kaum gehörte das stolze Ereignis von Versailles, die Kaiserproklamation, zwei Jahre der Vergangenheit an, da wurden auch die Bewohner Schwoikas von Furcht und Schrecken gepackt. Die Cholera war wieder im Lande und zwar viel schlimmer als 1866. Schwoika kam zum Glück mit einem Opfer davon, aber wie in Klein-Peiskerau, so wütete die Pest auch im nähen Gutsdorfe Gunschwitz recht verheerend. In beiden Ortschaften mußte ein besonderer Cholerafriedhof angelegt werden. Und meine Großmutter erzählte so manchesmal davon, wie sie in jenen Unglückstagen mit ihren noch daheim anwesenden Kindern schreckensbleich zum Fenster hinausstarrte, wenn ein Gunschwitzer Gutswagen, der — von Ohlau zurückkommend — meist mit mehreren schlichten Sargen beladen war, auf der holperigen Straße durch das Dorf rumpelte, wobei oft der Kutscher im Reitsitz auf einer Totenlade hockte. Und es soll damals angesichts des drohenden "Schwarzen Todes" nicht leicht gewesen sein, Männer für die Durchführung der Bestattungen zu bekommen. Da mußte außer einer ansehnlichen Entlohnung ein reichliches Maß Kornbranntwein nachhelfen. Von den 52 Choleraopfern des Kirchspiels Groß-Peiskerau kam weitaus der größte Teil auf Gunschwitz. Schwoika wurde nur ein Opfer abgefordert, was wohl den Wohn- und Wasserverhältnissen mit zu verdanken war. Zimmermann Loch wurde weit abseits des Dorfes am Wege nach Irrschnoke der Erde übergeben. Wie oft schauten wir als Kinder nach jener kleinen Einfriedung hin, die uns von so aufregenden Tagen der Heimat zu erzählen wußte. Nach 1873 folgten auch für unser Bauerndorf 40 Jahre eines friedlichen, wenn auch durchaus nicht völlig sorgenfreien Schaffens. Wer auf einem mehr oder weniger großen Bauernhofe aufgewachsen ist, weiß, daß es in der Zeit des Reichskanzlers Caprivi wirklich nicht leicht war, die landwirtschaftlichen Produkte zu einem einigermaßen ertraglichen Preise abzusetzen. Wie später einmal an der Hand der Chronik der Schulgemeinde gezeigt werden soll, waren es außer der Güte der heimatlichen Bodenverhältnisse vor allem die zielbewußten Selbsthilfemaßnahmen der bauerlichen Bevölkerung, welche über die Schwere jener Jahre hinweghalfen.
Kriegerische Ereignisse um die Jahrhundertwende, die auch daheim große Beachtung fanden, waren die in weiter Ferne sich abspielenden Kolonialkämpfe. Und das Interesse daran wurde dadurch gefördert, daß auch der älteste Sohn unseres Nachbarn Riedel an dem langwierigen Ringen in Deutsch-Südwestafrika teilnahm. In der Hauptsache waren es damals doch Jahrzehnte eines wenig getrübten Friedens, welche auf die Einheitskriege folgten. Wer hätte es für möglich gehalten, daß im Schoße der Zukunft derartig schwarze Lose ruhen wurden, wie wir sie ab 1914 gezogen haben! In aller Herzen lebte doch nur der eine Wunsch, dem Friedrich Schiller in seinem Liede von der Glocke so treffenden Ausdruck verlieh: "Möge nie der Tag erscheinen, wo des wilden Krieges Horden dieses stille Tal durchtoben!" Es kam aber auch für unser friedliches Heimatdorf durch die beiden Weltkriege anders, als es sich je ein Mensch hatte träumen lassen. Sorge, Not und Tod begannen seine Bewohner in steigendem Maße zu bedrücken. 1918 konnten wohl noch die heimkehrenden Krieger nach treuer, wenn auch vergeblicher Pflichterfüllung am Eingange des Dörfchens mit von Guirlanden umschlungenen Willkommensgrüßen empfangen und die Namen derjenigen, welche ihr hoffnungsvolles Leben für Heimat und Vaterland geopfert hatten, auf den Ehren- und Gedächtnistafeln des heimatlichen Gotteshauses verzeichnet werden; aber um wieviel schlimmer war doch das Ende des zweiten Weltkrieges! Wie der gesamte deutsche Osten, so fielen auch die Schwoikaer den satanischen Folgen des Zusammenbruches zum Opfer.
Hart und erbarmungslos war ihre Vertreibung von der ererbten und seit Generationen betreuten Scholle. In alle Winde zerstreut, erwarteten sie irgendwo im weiten Westen mit langem Bangen ihre Heimkehrer, denen im alten Heimatdörfchen, wo sich der in vielen Fällen recht gehässige Pole rücksichtslos breitmachte, keine Ehrenpforte zum Empfange errichtet werden konnte. "lch kann nicht nach Hause, hab' keine Heimat mehr!" war das Lied derer, die der Tod auf den Schlachtfeldern oder in den Gefangenenlagern verschont hatte; und heute noch ist es das Klagelied so manches Heimatverdrängten, der in seiner unverwüstlichen Heimatverbundenheit das Wort unseres schlesischen Dichters Holtei im Herzen tragt: "Heem will iech; suste nischt, ock heem!" Und sollte sich trotz des immer noch so einsichtslosen Denkens und Wollens gewisser Machthaber dennoch eines Tages die Möglichkeit zur Erfüllung jenes von Holtei geprägten Wunschwortes ergeben, so wird so mancher Schwoikaer nicht mehr dabei sein konnen, weil ihn inzwischen der Tod im Rahmen des Krieges oder der zermurbenden Nachkriegszeit hinweggeholt hat.
Rudolf Gärtner vom einstigen Eckerthofe, Gerhard Baumgart und Max Bartsch wurden als in Rußland vermißt gemeldet. Bauer Peche starb in einem russischen Lazarett. Alfred Reimann und Bauer Gustav Gutsche fielen bei der Verteidigung der engeren Heimat. Im Heimatdörfchen entschliefen 1945 noch Bauer Robert Pohl und dessen Schwägerin Hulda, geb. Wallor, als Frau des Bauern Gottlieb Müller, ferner Heimatgenosse Sturm, der Schwiegervater des Stellenbesitzers Gallwitz. Frau Nitschke und ihr Sohn fielen dem Typhus zum Opfer. Durch eine Wurfgranate erlitt der 14-jährige Siegfried Hein den Tod. Schweren Schaden trug die Frau des Elektromeisters Werner durch eine explodierende Granate davon.
Auf der Flucht vor den anrückenden Russen starben in Nachod Fräulein Hilda Staroste und die 13-jährige Dorothea Kache. Letztere fand auf dem Friedhof der "Böhmisch-Mährischen Brüdergemeinde" in Rokitnig bei Hronov ihre letzte Ruhestätte.
Wie es 1945-46 denen erging, die mit einem gewissen Hoffen den Weg in die Fremde abbrachen und wieder in ihr Heimatdörfchen zurückkehrten, ist ja bereits früher in unserem Heimatblatt zum Teil berichtet worden und findet vielleicht später noch einmal einen ergänzenden Berichterstatter. Es war doch so, daß alle, die sich das Bleiben auf der lieben Heimatscholle erzwingen wollten, vom Polen gemein behandelt, ausgeplündert und dann wieder in 2 Schuben nach Westen in Bewegung gesetzt wurden. Wem 1946 so das Heimatrecht genommen wurde, der hatte wenigstens das Glück, in der Bundesrepublik zu landen- wer aber 1947 an die Reihe kam, zog das bittere Los, in der SBZ. bleiben zu müssen. Zu diesen Bedauernswerten gehören, wie ich erfuhr, Zimmerpolier Karl Krämer, Elektromeister Berthold Werner, Familie Adler, Arbeiter Sambale, Bauarbeiter Gutsmann, die landwirtschaftlichen Arbeiter Titze, Ernst Glied, Frost und Klose und die Geschwister Willi, Else und Martha Pohl vom Bauernhofe Robert Pohl. Wer Jung und arbeitsfähig ist, mag auch da drüben sein — oft kärgliches — Brot finden; wie aber mag es in vielen Fällen denen ergehen, die nach der Freiheit "deutschen Denkens" hungert und durstet! — Während 12 Schwoikaer Familien in der SBZ. verblieben, fanden 37 in der Bundesrepublik eine weitaus bessere Notheimat. Es durfte sicherlich wertvoll sein, die gegenwärtigen Anschriften der in der Zerstreuung lebenden Glieder der Heimatgemeinde "Silingental" (Schwoika) für eine Veröffentlichung im Heimatblatt zu sammeln, damit darauf zuruckgegriffen werden kann und die Nachkommen einst wissen, wie das 1945 aus dem Osten einbrechende Unwetter der Heimatgemeinde mitgespielt hat. Adressen, die mir nach einem demnachst erscheinenden Beispiel, aus dem auch die wirtschaftliche Eingliederung zu ersehen ist, nach 14a Hegnach 142, Kreis Waiblingen, mitgeteilt werden, will ich gern zusammenstellen. — So mancher von denen die einst nach dem deutschen Westen gelangten, hat inzwischen von dieser trüben Zeitlichlkeit Abschied genommen. So starben Arbeiter Rother, der einst auf dem Eckerthofe tätig war, Frau Wuttke, geb. Nafe, Bauer Heinrich Schindler samt Frau und Tochter Gerda (= Frau Schäpe), Bauer Artur Lobe, Frau Emma Baumgart (Gattin des Robert Baumgart), Gemeindebote Franz Gladisch, dem jeder der beiden Weltkriege einen Sohn nahm, — Stellenbesitzer Gallwitz und dessen Tochter Elly, Bauer Gottlieb Müller, Oskar Maywald, Frau Ida Hillmann, geb. Staske, Auszügler Friedrich Peche, Frau Buchwald und Frau Luise Linke. Anschließend sei bemerkt daß Frau Sambale, die Mutter der Gastwirtin Pohl, in der Nahe von Görlitz starb.
Zum Schluß sei nochmals darauf hingewiesen, daß die von so manchem Schwoikaer ersehnte Eingliederung in die westliche Wirtschaft auch bei der Berücksichtigung unleugbarer Schwierigkeiten vielen nicht das brachte, was sie vielleicht doch erwarten dürften. Wer daheim ein Amt hatte — oder als rüstiger Arbeiter, Handwerker und dgl. in die Fremde vertrieben wurde, bekam bei der Rührigkeit der Schlesier oft erstaunlich schnell Boden unter die Fuße! Wie aber erging es in den meisten Fällen unseren Bauern, die bei ihrem Beruf und ihrer familiären Heimatverbundenheit die radikale Entwurzelung ganz besonders schmerzen mußte! Der Hunger nach einer eigenen Scholle, nach der Ermöglichung der Auswertung mitgebrachten landwirtschaftlichen Könnens fand in gar zu wenig Fällen Erfüllung. Von den hier in Frage kommenden Schwoikaer Landwirten ist es zweien gelungen, zum Ziele zu kommen. Bauer Gustav Frost pachtete im Kreise Melle einen Hof, und sein Sohn konnte in eine Landwirtschaft einheiraten. Rud. Gleiß.
